Tanja Hennes - Auf dem Rad geboren

"Ich bin schon Rad gefahren, da konnte ich noch nicht laufen“, blickt Tanja Hennes (50), ehemalige Profi-Radsportlerin aus Attendorn, zurück.

Attendorn (31.08.2021, Martin Droste Westfalenpost) Aus dem Profisport hat sich Tanja Hennes als Fahrerin schon 2009 zurückgezogen. Aber die gebürtige Koblenzerin, die in die bekannte Attendorner Radsportfamilie Hennes eingeheiratet hat, sitzt weiter im Rennsattel, kümmert sich beim TV Attendorn um den Nachwuchs der Radsport-Abteilung und ist bei nationalen und internationalen Rennen als Betreuerin und Beraterin von Frauenteams im Einsatz – unter anderem für die U17 des Landesverbandes NRW. Es gibt Anfragen für die Tour de France der Frauen im nächsten Jahr, im Hochsauerland sollen 2022 die Deutschen Straßen-Meisterschaften nachgeholt werden, zum 800-jährigen Jubiläum der Stadt Attendorn ist ein Rennen durch die frisch renovierte Innenstadt geplant. Über Arbeit kann sich die 1994 in die Hansestadt gezogene Tanja Hennes, geborene Schmidt, nicht beklagen.

Schwerer Unfall auf der DDR-Transitstrecke

„Ich bin schon Rad gefahren, da konnte ich noch nicht laufen“, blickt die heute 50-Jährige auf ihre ersten Versuche auf zwei Rädern zurück. Ihre spätere Profikarriere und der Traum von der Nationalmannschaft hingen Jahre später an einem seidenen Faden. Im Grunde genommen hatte sich die damals 18-jährige schon davon verabschiedet. Auf dem Weg zum Sechs-Tage-Rennen in Berlin wurde die junge Frau bei einem Zusammenstoß auf der Transitstrecke in der damaligen DDR schwer verletzt. Doch die Koblenzerin, die bei Nachwuchsrennen schon den jungen Lupos oder Hennes‘ aus Attendorn begegnet war, hatte Glück im Unglück. Sie fand nach ihrem schweren Unfall einen Job bei einem Fahrradgeschäft mit Werkstatt in Köln. Ausgerechnet beim Skifahren lernte sie dann ihren späteren Ehemann Rafael kennen und setzte ihre Radsportkarriere fort. Rafaels Vater Manfred, der „Mister Radsport“ in Attendorn und langjährige Abteilungsleiter des TVA, wurde ihr Chefmechaniker. „Der beste Schwiegervater der Welt“ stellte das Sportgerät optimal ein. „Ich musste mich um nichts kümmern“, erinnert sich die ehemalige Lizenzfahrerin gerne zurück.

Arbeitgeber als Glücksfall

Glück hatte Tanja Hennes auch mit ihrem Arbeitgeber. Seit 27 Jahren ist sie bei Viega beschäftigt, das Attendorner Traditionsunternehmen hat die TVA-Radsportler immer großzügig unterstützt. Als „Profi mit Festanstellung“, so beschreibt die 50-jährige ihre berufliche Situation damals, konnte sie sich einige Radsporträume erfüllen. „Ich wollte die Welt sehen“, sagt die Inhaberin der Trainer-A-Lizenz beim Besuch unserer Zeitung. Sie ist Rennen in Australien, Neuseeland oder Guatemala gefahren, in El Salvador sogar unter Polizeischutz. „Das sind Erfahrungen, die mir keiner nehmen kann“, betont die Mutter des zehnjährigen Fynn-Luca, der natürlich auch schon Rennen fährt. Auch nach dem Ende ihrer Profikarriere mit vielen Erfolgen, darunter einigen Siegen bei den Heimrennen in Attendorn, hat sich Tanja Hennes sportliche Ziele gesetzt. Mehrfach hatte sie versucht, beim Klassiker „Rund um Köln“ zu gewinnen. „2019 habe ich es beim Jedermann-Rennen endlich geschafft“, lacht sie. Stolz ist die langjährige Lizenzfahrerin, die nach eigenen Worten „quasi auf dem Fahrrad geboren worden ist“, auch auf ihren Sieg beim P-Weg 2018.

Kristischer Blick auf den Leistungssport

Zehn Jahre zuvor hatte sich das Mitglied der Attendorner Radsportfamilie Hennes aus dem Profibereich zurückgezogen. Der Hausbau stand an, später kam Sohn Fynn-Luca auf die Welt. Tanja Hennes machte die A-Trainerlizenz und beschäftigte sich viel mit Ernährungswissenschaft und Fitness-Sport. Dem Radfahren bleib sie bis heute treu, auch wenn die 50-Jährige den Leistungssport generell kritisch betrachtet. Das liegt nicht nur am Thema Doping. „Im Frauenradsport habe ich das nicht mitgekriegt“, sagt die Attendornerin. Gar nicht gefällt Hennes, dass junge Leistungssportlerinnen und -sportler immer dünner werden. Für sie selbst kam so etwas nicht infrage. „Ich habe auch gelebt“, schmunzelt die erfolgreiche Rennfahrerin. Seit Jahren kümmert sich Tanja Hennes um die Nachwuchsförderung beim TV Attendorn. „Die Kinder sollen lernen, ihr Fahrrad zu beherrschen und auf dem Rad ihre Umwelt wahrzunehmen“, geht es für sie eher um Breitensport. Eine Lizenz, um an Rennen teilzunehmen, hat von den zwei Mädchen und zehn Jungen nur Sohn Fynn-Luca. Bei ihren Touren rund um den Biggesee begegnen den jungen TVA-Radsportlern oft E-Bike-Fahrerinnen und -Fahrer. Mit ihrer Meinung nach einigen negativen Erlebnissen hält Tanja Hennes nicht hinter dem Berg: „Der Bigge-Randweg sollte für E-Bikes gesperrt werden.“

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